Jean-Luc Godard hat Steven Spielberg in seiner „Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos“ (1980, dt. 1981) vorgeworfen, in „Close Encounters of the Third Kind“ das eigentlich Entscheidende auszusparen: nämlich, was im Raumschiff vorgeht und was die Außerirdischen wollen. Alles davor sei mit einem Aufwand gebaut, den nur das amerikanische Kino leisten könne – aber an der entscheidenden Schwelle stehe eine Leerstelle, vor der Spielberg zurückweiche. „Disclosure Day“, seine Rückkehr zum Alien-Stoff nach fast zwei Jahrzehnten, bestätigt diesen Vorwurf erstaunlich genau.
Der Film erzählt diesmal von einer Vertuschung: Kontakte mit Außerirdischen haben längst stattgefunden, sie werden geheim gehalten, angeblich weil die Menschheit nicht bereit sei. Emily Blunt spielt eine Wetteransagerin, mit der seltsame Dinge geschehen, Josh O’Connor einen Whistleblower.
Handwerklich ist das Ganze sehr stark. Die Kamera, die Plansequenzen und ein klassischer Score (kein Sounddesign) – das ist auf einem Niveau, welches man im aktuellen Hollywood-Kino selten sieht.

Zwei alte Weggefährten überragen dabei alles. John Williams, der sich nach „Indiana Jones and the Dial of Destiny“ eigentlich zur Ruhe gesetzt hatte, hat für „Disclosure Day“ – seine dreißigste Zusammenarbeit mit Spielberg – noch einmal komponiert, und zwar erstaunlich zurückgenommen. Diese Musik stellt sich vollständig in den Dienst des Films und arbeitet subtil statt aufzutrumpfen; gerade darin liegt ihre Brillanz. Und Janusz Kamiński, Spielbergs Stammkameramann, übertrifft sich diesmal selbst. Es gibt 360-Grad-Fahrten, die im Auto um die Figuren kreisen und bei denen man sich fragt, wie diese Nahaufnahmen überhaupt entstanden sein können. Und es gibt eine Szene an einem Zaun, bei der man nicht begreift, wie die Kamera mit der Figur durch den Zaun hindurch und wieder zurückgeht. Das ist schlicht unglaublich. Ob das Publikum diese Meisterschaft honoriert, ist allerdings stark zu bezweifeln – wenn man sieht, wie formal bescheidener Quatsch wie „Obsession“ (Produktionskosten: 750.000 Dollar) die Generation TikTok in Scharen in die Kinos lockt.
Etwa ab der Mitte des zweiten Aktes bricht dann auch der Spannungsbogen etwas ein und erholt sich nicht mehr richtig. Die Auflösung im dritten Akt läuft dann in genau das Problem, das Godard schon 1980 benannt hat: Der Film kommt an die Schwelle der Begegnung und tritt nicht hindurch. Spielberg hat das Innere des Mutterschiffs schon bei „Close Encounters“ nie wirklich gefüllt – die Innenansicht der Special Edition von 1980 nahm er für den Director’s Cut von 1998 wieder heraus, nicht als Antwort auf die Frage, sondern als Verzicht auf sie. „Disclosure Day“ wiederholt diesen Verzicht.
Dass die Leerstelle 1977 kaum auffiel, hatte einen Grund: Spielbergs Formensprache war damals im amerikanischen Genrefilm so neu, dass die Form selbst die Begegnung war. Man war bei der Erstsichtung rein formal überwältigt und bemerkte gar nicht, dass auf die Frage nach der Mission der Außerirdischen keine Idee wartete. Diese Grammatik gehört heute allen. Spielberg ist, fast fünfzig Jahre später, einer von vielen. Er hatte einen Stil – die großen Kamerafahrten, die langen Einstellungen –, aber keinen, der sich an Farbe oder Licht sofort als „ein Spielberg“ zu erkennen gäbe. Wenn die Form nicht mehr neu ist, steht die Leerstelle nackt da.
Dazu kam 1977 ein zweiter Trumpf: der Casting-Coup, François Truffaut – einen der Regisseure der Nouvelle Vague – in der wichtigen Nebenrolle des Wissenschaftlers Claude Lacombe zu besetzen. Mit ihm holte sich Spielberg keine Berühmtheit ins Bild, sondern eine ganze Tradition. Beide Besonderheiten fehlen „Disclosure Day“ komplett. Und der Coup ließe sich heute kaum wiederholen: Die gemeinsame cinephile Kultur, die Truffauts Präsenz für ein Publikum überhaupt lesbar machte, ist weitgehend verschwunden.
Insofern erinnert „Disclosure Day“ weniger an „Close Encounters“ als an Spielbergs Remake von „West Side Story“: ein fantastisch inszenierter Film. Makelloses Handwerk, aber nichts, was man nicht schon kennt. Etwas wirklich Neues zu finden, wird im Kino ohnehin immer schwerer – umso bemerkenswerter, wenn es gelingt.
Das eigentlich Neue an New Hollywood war ja, dass Coppola, Spielberg, Lucas – und, in einer Sonderstellung, William Friedkin – die Genauigkeit des klassischen Kinos auf den Genrefilm übertrugen: Sie inszenierten Science-Fiction, Horror und Gangsterfilm mit der Präzision eines Akira Kurosawa oder John Ford. Das war im Genrekino das Neue. Heute liegt das Neue woanders – und genau das haben Phil Lord und Christopher Miller in „Project Hail Mary“ verstanden. Sie besetzen mit Sandra Hüller eine Arthouse-Schauspielerin, und sie holen erzählerische Mittel des Autorenkinos ins Genre: Die Szene, in der Hüller mitten im 200-Millionen-Dollar-Weltraumepos auf einmal Harry Styles’ „Sign of the Times“ als Karaoke anstimmt, gehorcht einer Dramaturgie, die man eher aus dem europäischen Arthousefilm kennt als aus dem Blockbuster. Dieser Zug ist größer als ein einzelner Film: Selbst ein Mainstream-Monument wie Christopher Nolans „Oppenheimer“ arbeitet mit subjektivem, unzuverlässigem Erzählen – etwa wenn Oppenheimer mitten in der Sicherheitsanhörung seine Geliebte nackt vor sich sieht, ähnlich den Wahnvorstellungen von Freddie Quell in Paul Thomas Andersons „The Master“.
Innovation ist ausdrücklich keine Forderung. Es wäre keine gute Idee, wenn Spielberg sich solche Mittel aufpfropfen würde – es ist schlicht nicht seine Art zu erzählen, und ein Spielberg, der Lord und Miller imitiert, wäre ein schlechterer Spielberg. Aber dass dieser Kontrast überhaupt auffällt, bleibt ein Zeichen für die Altbackenheit seines Kinos. Trotz der inszenatorischen Meisterschaft.
Bleibt die Frage, die für einen Sommerblockbuster entscheidend ist: Erreicht der Film das junge Publikum? Ich habe Zweifel. „Project Hail Mary“ hat mit dem größten Startwochenende des Jahres vorgemacht, wie nah man diesem Publikum kommen kann; Spielbergs Vertuschungs-Thriller ist weiter davon entfernt. Ich kann mich täuschen – vielleicht trifft der Film mit den realen UAP-Debatten genau den Nerv. Aber nach dieser ersten Sichtung bleibt der Eindruck: ein meisterhaft gebauter Film über eine Enthüllung, der selbst nichts enthüllt.
Bewertung: 7/10
Fotos: © Universal Studios






