Für die Geschichte eines Unternehmens gibt es Jahre, deren Bedeutung sich erst im Rückblick erschließt. Bei Constantin Film könnte 2026 ein solches Jahr werden. Das traditionsreiche Münchner Produktions- und Verleihunternehmen erlebt einen unruhigen Herbst. Die größeren finanziellen Probleme liegen eine Etage höher, bei der Schweizer Muttergesellschaft Highlight Communications, doch ihre Folgen reichen bis nach München. Die Constantin-Beteiligung dient der Muttergesellschaft als Sicherheit für Kredite. Ende November wird gegenüber einem Bankenkonsortium eine Finanzverbindlichkeit von fast 75 Millionen Schweizer Franken zur Rückzahlung fällig.
Auch im Filmgeschäft der Highlight-Gruppe gibt es wenig Anlass zur Entspannung. Im ersten Halbjahr gingen die Erlöse zurück, das Segment schrieb Verlust. Highlight selbst verweist darauf, dass die größeren Kinostarts des Jahres erst in der zweiten Jahreshälfte anstehen. Was das bedeutet, ließ sich im Sommer bereits an anderer Stelle beobachten: Constantin stoppte wenige Wochen vor dem geplanten Drehbeginn eines seiner ambitioniertesten Fernsehprojekte. Die sechsteilige Neuverfilmung von DIE PÄPSTIN mit Jella Haase sollte im Oktober in Produktion gehen, dann wurden die Vorbereitungen abgebrochen. Constantin sprach von offenen Fragen bei Besetzung und Budget. Medien berichteten darüber hinaus vom möglichen Ausstieg eines Finanzierungspartners. Bestätigt hat das Unternehmen das nicht.
Nun soll Raccoon City wieder helfen
Dabei hatte Constantin in diesem Jahr durchaus Filme im Kino, bei denen vieles stimmte. Gore Verbinskis GOOD LUCK, HAVE FUN, DON’T DIE, eine ziemlich durchgeknallte Science-Fiction-Komödie über künstliche Intelligenz mit Sam Rockwell, Juno Temple und Michael Peña, ist gut geschrieben, hervorragend besetzt und mit sichtbarer Freude am Kino gemacht. Nur sehen wollte ihn kaum jemand. Weltweit spielte der Film nicht einmal zehn Millionen Dollar ein.
Umso mehr richtet sich der Blick auf den Herbst. Im Oktober startet DER PERFEKTE URLAUB, Bora Dagtekins Fortsetzung von DAS PERFEKTE GEHEIMNIS. Mehr als fünf Millionen Menschen sahen den Vorgänger 2019 allein in Deutschland – eine Besucherzahl, von der die deutsche Filmbranche heute beinahe nur noch träumen kann. Selbst die Hälfte davon wäre inzwischen ein großer Erfolg. Und einen Monat zuvor kehrt eine Marke ins Kino zurück, mit der Constantin schon einmal sehr viel Geld verdient hat.
RESIDENT EVIL gehört seit fast einem Vierteljahrhundert zur Geschichte des Unternehmens. Aus Capcoms Videospielreihe machte Constantin ab 2002 ein internationales Kinofranchise, das über sechs Filme mit Milla Jovovich mehr als eine Milliarde Dollar an den Kinokassen einspielte. Paul W. S. Anderson führte bei vier davon Regie, schrieb alle sechs und produzierte die Reihe. In Teilen der deutschen Cinephilie genießt Anderson inzwischen einen erstaunlich guten Ruf. Nicht bei den Videobörsenstinkern – die wussten ohnehin schon immer, was sie an Milla Jovovich mit zwei Pistolen haben. Ein ähnliches Kunststück ist John Hyams gelungen, dessen späte UNIVERSAL-SOLDIER-Fortsetzungen dort inzwischen teilweise wie große Autorenfilme behandelt werden.
Nach dem Ende der Jovovich-Reihe versuchte Constantin 2021 mit RESIDENT EVIL: WELCOME TO RACCOON CITY bereits einen Neustart. Nun folgt der nächste, und diesmal kommt die Idee von einem Regisseur, dessen Karriere in den vergangenen vier Jahren eine bemerkenswerte Geschwindigkeit aufgenommen hat: Zach Cregger.
Von BARBARIAN über WEAPONS nach Raccoon City
BARBARIAN kam 2022 mit einem Budget von kaum mehr als vier Millionen Dollar ins Kino und machte Zach Cregger beinahe über Nacht zu einem der interessantesten neuen Regisseure des amerikanischen Horrorfilms. Dramaturgisch war der Film keineswegs makellos, aber schon seine besten Set Pieces zeigten sehr deutlich, worin Creggers besonderes Talent liegt. Das Haus in der heruntergekommenen Detroiter Vorstadt, die leeren Grundstücke und Straßen darum, später die Räume unter dem Gebäude: Cregger hat ein bemerkenswertes Gespür für Framing und räumliche Inszenierung.
WEAPONS führte diese Stärke drei Jahre später wesentlich souveräner vor. Cregger hatte nun ein größeres Budget und einen ausgezeichneten Cast um Julia Garner, Josh Brolin, Alden Ehrenreich und Amy Madigan, vor allem aber eine ganze Vorstadt für seine Set Pieces. Die Schulaula, die langen Straßenfluchten, die nächtlichen Häuser und Vorgärten: Immer wieder genügt ihm ein ungewöhnlich präzises Framing, um aus alltäglichen Orten Spannung zu gewinnen. Die Mise-en-scène bleibt dabei lesbar; man versteht die räumlichen Verhältnisse, bevor Cregger beginnt, sie gegen den Zuschauer auszuspielen. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Im gegenwärtigen Studiokino ist es das längst nicht mehr.
In einer kleinen, aber schwer zu vergessenden Rolle war in WEAPONS bereits Austin Abrams zu sehen. Als drogensüchtiger Obdachloser James sorgte er für einige der komischsten Szenen des Films. Für RESIDENT EVIL stellte Cregger ihn nun ins Zentrum.
Die Idee dazu ist allerdings älter als WEAPONS. Noch während der Dreharbeiten zu BARBARIAN in Bulgarien fragte Produzent Roy Lee Cregger, welches Videospiel er verfilmen würde, wenn er freie Wahl hätte. Cregger nannte RESIDENT EVIL. Damals war BARBARIAN noch nicht erschienen und Cregger kaum in einer Position, bei Constantin anzuklopfen und sich eines der wertvollsten Franchises des Unternehmens auszusuchen. Nach dem Erfolg des Films sah die Sache anders aus.
Creggers Pitch war denkbar einfach: ein Mann, eine Mission, ein Ziel.
Constantin ließ ihn gemeinsam mit Shay Hatten schreiben. Während Cregger anschließend WEAPONS drehte, war RESIDENT EVIL bereits auf dem Weg. Und spätestens als WEAPONS weltweit rund 270 Millionen Dollar einspielte, hatte sich die Ausgangslage endgültig verändert: Der Mann, der wenige Jahre zuvor mit einem Vier-Millionen-Dollar-Horrorfilm aufgefallen war, bekam nun Raccoon City.
Noel Gallagher hat einen sehr schlechten Tag
Im Zentrum des Reboots steht Bryan, ein medizinischer Kurier. Gespielt wird er von Austin Abrams, der in bester Schluffi-Manier durch den Film stolpert und dabei tatsächlich ein wenig aussieht wie ein junger Noel Gallagher. Nicht nur optisch: Bryan flucht wie ein Kesselflicker. Das Wort „fuck“ fällt mit einer Frequenz, bei der man sich zeitweise in derselben Preisklasse wie JACKIE BROWN oder THE DEPARTED wähnt. Es ist eine einzige Freude, diesem Mann dabei zuzusehen, wie aus einem eigentlich idiotensicheren Auftrag innerhalb kürzester Zeit eine Katastrophe wird.
Cregger verschwendet dabei wenig Zeit. Die Konstruktion ist so unverhohlen einem Videospiel verpflichtet, dass man beinahe das HUD am Bildrand erwartet. Bryan bewegt sich von einem Schauplatz zum nächsten, trifft auf neue Gegner, verliert und findet Waffen, muss improvisieren und irgendwie weiterkommen. Der Film versucht gar nicht erst, diese Mechanik hinter einer komplizierteren Dramaturgie zu verstecken. Gerade im ersten Drittel funktioniert das hervorragend.

Hier ist Cregger wieder ganz bei seinen größten Stärken. Ein Auto, eine Scheune, ein Haus – ach ja – und ein Zaun. Eigentlich braucht er nicht viel mehr. Seine besten Set Pieces entstehen aus realen Räumen, deren Geografie er dem Zuschauer zunächst glasklar vermittelt und anschließend Stück für Stück für die Handlung verwendet. Das Framing ist teilweise sensationell. Cregger weiß genau, was am Rand eines Bildes noch zu sehen sein muss, wie lange eine Einstellung stehen kann und wann eine Figur besser klein im Raum bleibt, anstatt dass die Kamera ihr hinterherläuft. Spannung entsteht nicht durch hektischen Schnitt, sondern dadurch, dass man das Bild absucht und irgendwann merkt, dass darin etwas nicht stimmt.
Das ist auch der Punkt, an dem RESIDENT EVIL am stärksten nach Cregger und am wenigsten nach einem Franchiseprodukt aussieht. Schwieriger wird es erst, wenn der Film größer werden muss. Je weiter Bryan auf seiner Reise kommt, desto häufiger werden die Räume digital erweitert, die Gegner zahlreicher und die Set Pieces effektlastiger. Ausgerechnet dann verliert Creggers Inszenierung etwas von ihrer Präzision. Einige CGI-Effekte sehen erstaunlich unfertig aus, anderes verwandelt Räume, die zuvor eine konkrete Geografie hatten, in die etwas beliebigeren Spielflächen eines modernen Blockbusters. Weniger wäre hier tatsächlich mehr gewesen.
Das ist allerdings Jammern auf hohem Niveau. RESIDENT EVIL ist ein sehr guter, erstaunlich straffer Genrefilm, der in seinen knapp anderthalb Stunden kaum Leerlauf kennt. Nicht jeder One-Liner sitzt. Cregger hält den Film trotzdem mit großer Sicherheit zusammen und versteht vor allem, dass eine Videospielverfilmung ihre Herkunft nicht verleugnen muss.

Teurer ist nicht größer
Dass der Film nach WEAPONS trotzdem wie ein kleiner Schritt zurück wirkt, ist schade. Hätte Cregger sich etwas stärker von der Videospielmechanik befreien können – oder dürfen –, wäre hier womöglich der nächste große Wurf möglich gewesen. Das Material dafür ist überall zu sehen, gerade in den Momenten, in denen der Film seine Franchise-Pflichten für ein paar Minuten vergisst und Cregger einfach machen lässt.
Interessant ist dabei auch das Geld. WEAPONS kostete rund 38 Millionen Dollar und sieht über weite Strecken teurer aus als RESIDENT EVIL. Für Creggers neuen Film ist zwar kein offizielles Gesamtbudget veröffentlicht worden; allein für die Produktion in Tschechien wurden jedoch staatliche Anreize in Höhe von 191 Millionen Kronen reserviert. Daraus lässt sich ein geplantes förderfähiges Produktionsvolumen von rund 764 Millionen Kronen ableiten – grob 36 Millionen Dollar. Allein die in Tschechien angesetzten Ausgaben bewegen sich damit ungefähr in der Größenordnung des kompletten Produktionsbudgets von WEAPONS. Das geschätzte Gesamtbudget liegt noch einmal deutlich höher. Eine offizielle Zahl von Constantin oder Sony gibt es bislang nicht. IMDb nennt 65 Millionen Dollar, The Numbers 80 Millionen Dollar; auch mehrere Branchenberichte arbeiten inzwischen mit der 80-Millionen-Marke.
Sorry, Gorebauern
Am Ende bleibt ziemlich großartiges Popcorn-Kino, bei dem ausgerechnet seine Schwächen zeigen, wie gut Zach Cregger inzwischen ist. RESIDENT EVIL ist ein guter Horrorfilm von einem Regisseur, bei dem man sich eigentlich nur wünschen kann, dass er sich zeitnah vom Horrorfilm befreien darf – sorry, Gorebauern. Und gleichzeitig hoffentlich nicht den naheliegenden Weg einschlägt und zum nächsten Ari Aster wird, der mit jedem Film gefühlt noch eine Stunde Laufzeit drauflegt.
Gebt dem Mann also ruhig den nächsten großen Film. Nur vielleicht keinen größeren.
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